SSC, RACK und FRIES – was soll der Scheiß?

Wozu brauchst du solche Formulierungen und warum sollst du nicht einfach loslegen mit BDSM?

Weil es um deine körperliche und seelische Gesundheit geht. Mit diesen ‚Programmen‘ oder besser: Konzepten kannst du für dich überprüfen, ob das, was in einer Session geschieht, noch BDSM ist oder schon Missbrauch.

Das ist die Kurzversion.

Die längere?

Beginnen wir mit den Fragen:

Was ist SSC?

Safe – Sane – Consensual – übersetzt: sicher, vernünftig, einvernehmlich

Im Prinzip sagt das doch schon alles. Du sollst schauen, dass alles, was passiert, so sicher abläuft wie möglich.

Du sollst deinen Verstand nicht mit den Klamotten ablegen – wenn dir was seltsam vorkommt, lass es.

Und – um mal die Bibel mit einzubeziehen: Einvernehmlichkeit ist die Größte unter ihnen!

Einvernehmlichkeit, oft wird auch das Wort Konsens verwendet (ähnelt mehr dem Wort consensual), ist nämlich das Wichtigste. Kein Konsens – kein BDSM, könnte man kurz sagen.

Wenn du jetzt an Consensual Non-Consent denkst – auch da gibst du dein Einverständnis. Aber dazu schreibe ich weiter unten noch etwas.

Was ist RACK?

Risk Aware Consensual Kink – übersetzt: Kink, der einvernehmlich stattfindet und sich der Risiken bewusst ist.

Und was ist an RACK anders als bei SSC?

Anders ist eben die Einschränkung, dass es nicht genügt, wenn es im Moment ‚safe‘ oder ‚sane‘ wirkt, denn ein Risiko bleibt immer bestehen.

Genauer: Oft willst du genau dieses Risiko eingehen.

  • Weil du weiter gehen willst, als nur mit einem Flogger gestreichelt zu werden, aber nicht genau weißt, ob der schlagende Top nicht doch mal eine falsche Stelle trifft oder zu fest zuschlägt. Zum Beispiel, wenn er deine Pussy treffen will. So ein Schlag kann verdammt wehtun, wenn ein scharfer Riemen dabei die Klit trifft. Du hast da immerhin tausende von Nervenzellen.
  • Weil du in einer Session nicht weißt, ob du nicht hinterher doch ein Problem damit hast, wenn andere zuschauen oder dich anfassen. Wird es dich belasten? Wird es dich verfolgen? Wird dabei ein Trauma aufgeweckt, das du meintest, erfolgreich begraben zu haben?
  • Gerade seelische Wunden sind kaum abzuschätzen. Was kathartisch (reinigend) gemeint war, kann schnell umkippen und Ängste auslösen und zu einer Retraumatisierung führen.
  • Oder zu einem Sub-Drop oder Dom-Drop – also einem Absturz, ausgelöst durch plötzlich abfallende Hormone wie Dopamine, Adrenalin oder Endorphine. Ich hatte mal einen Adrenalin-Absturz – hab mir die Seele aus dem Leib gekotzt. Natürlich muss das bei dir nicht genauso sein, es kann aber passieren.

Das sind nur ein paar Beispiele, aber sie zeigen, dass nicht alles vorhersehbar ist, nicht nur mit ‚Verstand‘ eingeschätzt werden kann.

Und natürlich soll es auch bei diesem Konzept einvernehmlich zugehen – auch hier der wichtigste Punkt, wie sich alle einig sind.

Aber RACK gibt dir die Möglichkeit, auch mal weiter zu gehen. Denn wenn alle Teilnehmer wissen, dass eine Hängebondage (Suspension) Nervenschäden verursachen kann, dürfen sie danach entscheiden, ob sie dieses Risiko eingehen wollen. Klar, mit dem Einverständnis legt man nicht jede Verantwortung ab, aber sie ist auf alle Teilnehmer verteilt.

Wenn du jetzt fragst:

Was ist denn Kink?

… und du weißt es schon, überspring diesen Abschnitt.

…. wenn du es nicht weißt, kommt hier eine kurze Erklärung: Das sind all deine Vorlieben, die außerhalb der Norm liegen.

Ja, ich weiß, total vage. Ist ein Popoklatscher schon außerhalb der Norm? Eine Augenbinde? Ein Tuch um die Hände? Oder gar Dirty Talk mit herabsetzenden ‚Kose‘-Worten oder Bezeichnungen wie ‚Daddy‘ und ‚Baby‘?

Du siehst, die Grenze ist nur eine Nebelwand, mal schaust du auf einer Seite heraus, mal auf der anderen, sie ist jedenfalls total unscharf und verschiebt sich ständig.

Zurück zu RACK

Auch dieser Begriff, RACK, ist also recht allgemein gehalten. Trotzdem sagt er dir mehr als SSC, denn du weißt jetzt, dass Risiken nicht auszuschließen sind, aber dass du sie innerhalb deiner Grenzen eingehen willst und kannst.

Und FRIES? Was ist das?

Freely given, Reversible, Informed, Enthusiastic, Specific

Das muss ich einzeln auseinanderklabüsern, das wird sonst zu lang:

Freely given – du erteilst freiwillig deine Zustimmung, ohne Zwang.

Damit ist nicht der körperliche Zwang gemeint, den du dir in einer Session wünschst, oder gar mit einem Messer an der Kehle. Sondern erzwungen im Sinne von Erpressung (wenn du mich das machen lässt, bekommst du danach einen Orgasmus), Drohung (sag gefälligst ja, sonst gehe ich), auch Herabsetzung (du bist so ein Schlappschwanz, traust du dich etwa nicht?).

Ein solcher Zwang wäre auch (quasi pseudofreiwillig), wenn ein Dom von seiner Sub verlangt, es ‚für ihn‘ zu tun, weil sie sich ihm schließlich unterworfen hat, weil sie doch alles für ihn tun soll. Übrigens kannst du das Wort ‚Dom‘ auch durch ‚Domme‘ ersetzen oder mit Top, Master, usw. Auch bei Subs sind alle Geschlechter und natürlich Bottom, Slave usw. gemeint!

Reversible – widerrufbar

Es geht darum, dass du nicht vor einer Session schon weiß/wissen kannst, wie du darauf reagieren wirst. Deshalb solltest du immer die Möglichkeit haben, dein Einverständnis zu widerrufen. Kein Dom hat das Recht, weiterzumachen, nur weil du vorher mal irgendwann dein Einverständnis erklärt hast.

Hier kommt z.B. ein Safeword ins Spiel oder die Ampelfarben, es kann aber auch mittels Klopfen auf eine Matte oder durch das Fallenlassen eines Balls erfolgen. Von Quietscheenten halte ich nichts, die gehen entweder los, wenn du nur die Muskeln anspannst oder gar nicht, weil du nicht schnell genug drückst. Schau also, dass es eine vernünftige Methode gibt, dich bemerkbar zu machen oder gleich ein Zeichen für einen Stopp zu geben. Ob ihr dann nach einem Gespräch oder einer Pause doch weitermacht, hat damit übrigens nicht zu tun. Es geht allein um das Recht, eine früher erteilte Zustimmung widerrufen zu können.

Informed – informiert – erklärt sich selbst.

Du solltest wissen, was auf dich zukommt. Auch als Sub! Das kann ich nicht genug betonen. So sehr du auch die Verantwortung in die Hände deines Doms legen willst, du darfst nicht dein Hirn ausschalten – zumindest nicht vorab. Deswegen ist Information so wichtig.

Enthusiastic – enthusiastisch, freudig

Wenn dir etwas widerstrebt, hör auf dein Bauchgefühl. Heißt nicht, dass du das dann nie tun wirst, sondern dass du es in diesem Moment nicht tun willst. Ich höre immer wieder, dass gerade das Bauchgefühl bei einem BDSM-Date/einer BDSM-Session gerne mal übergangen wird. Du willst ja, dass dein Dom dich hart rannimmt. Du willst ja, dass dein Dom auch mal weitergeht, du willst ihr/ihm nicht vorschreiben, was sie/er zu tun hat – du willst, mit anderen Worten: Sub sein.

Verstehe ich, aber bitte, bitte, hör auf deinen Bauch.

Im Darm sitzen Unmengen an Nervenzellen, die über den Vagusnerv mit dem Hirn verbunden sind. Diese (plus Hormone) schicken unentwegt Signale und prüfen dein Befinden – man spricht sogar von Bauchhirn. Es reagiert instinktiver, gleicht aktuelle Situationen mit früher erlebten ab und ist deshalb manchmal widerspenstig, wenn es um neue Erfahrungen geht. Trotzdem solltest du es nicht übergehen, sondern es beruhigen mit Argumenten – und dann mit neuen Erfahrungen umprogrammieren.

Specific – spezifisch

Hier ist nicht gemeint, dass dein Dom dir vorab genau sagen muss, was er/sie plant. Sondern darum, dass du dein Einverständnis nicht bis in alle Ewigkeit gibst. Sondern für eine bestimmte (spezifische) Praxis, eine spezifische Session, oder ein einmaliges Ausprobieren. Nur weil du einmal Analverkehr zugestimmt hast, darf dein Dom dich nicht ständig in den Arsch ficken. Nur weil du in einer Session eine Ohrfeige zugelassen hast, darf dein Dom dir nicht beim ersten Widerspruch eine verpassen.

Ist das nicht alles selbstverständlich?

Wie du an meinen Beispielen erkennst, leider nicht. Weil es Arbeit bedeutet –Kommunikation, Ehrlichkeit auch gegenüber dir selbst, weil es bedeutet, dass auch eine Sub sich mal auf die Hinterfüße stellen muss, was sie ungern tut. Weil es erst mal so klingt, als wollte sie ihrem Dom Vorschriften machen oder etwas zu Tode diskutieren (alles Gegenargumente von Doms).

Musst du deswegen jeden möglichen Spielpartner einen Test absolvieren lassen und ihn abfragen, ob er all diese Akronyme kennt?

Nein. Wichtig ist immer, dass DU weißt, worum es geht. Dass du weißt, wie DU vorgehen sollst. Wie viel Zustimmung DU erteilen willst und ob DU das Gefühl hast, jetzt wäre Zeit für einen Abbruch.

Denn glaub mir, es ist nicht schön, sich in der Nacht oder Tage danach mit der Frage herumzuschlagen, warum du dazu dein Einverständnis gegeben hast – oder ohne Einverständnis zugelassen hast, dass es passiert. BDSM ist intensiv, meiner Ansicht nach intensiver als Vanilla-Sex. Du gibst weitaus mehr von dir – und hast deswegen auch mehr zu verlieren.

Was in einem Moment noch ‚okay‘ ist, erscheint dir im Licht eines neuen Tages oder im Gespräch mit anderen auf einmal als übergriffig. Wenn auch noch körperliche Spuren und Verletzungen dabei sind, stellt vielleicht ein Arzt die Frage, ob du zugestimmt hast. Hast du dein Einverständnis zu dem Tattoo gegeben, das dich als sein Eigentum bezeichnet? Oder war es Druck von ihm? Bist du einverstanden damit, über Wochen hinweg einen Peniskäfig zu tragen und womöglich auf dem Klo in der Firma bloßgestellt zu werden?

Du siehst: Es ist wichtig. Mach dir vorab Gedanken über das, was du willst. Wenn du nicht weißt, was du willst, ist das auch okay, aber dann probiere nicht alles auf einmal aus. Bleibe offen für neue Erfahrungen, aber lass dich nicht zu etwas bringen, was dir ein schlechtes Gefühl gibt.

Sei wie Alice in Hunters Liste: Lass dich ein, probier dich aus, aber verändere nicht für einen anderen deine Persönlichkeit. Verändern wirst du dich, aber es sollte immer zum Besseren sein, nicht zu Schmerz und Selbstverachtung führen, überhaupt nicht zu körperlichen oder psychischen Schäden.

Dann ist da noch CNC – Consensual Non-Consent – also einvernehmliche Nicht-Einvernehmlichkeit.

Wenn du jetzt erst einmal den Knoten in deinem Hirn lösen musst – tu es.

Viele Frauen (angeblich mehr Frauen als Männer) träumen von einer Session, in der sie keinen Konsens erteilt haben. Manche bezeichnen das als Vergewaltigung, aber wir reden hier nicht von Menschen und Szenen außerhalb der BDSM-Szene.

Es geht also darum, dass man sich etwas wünscht, was so ähnlich ist wie eine Vergewaltigung – ein Mann fällt über dich her, ‚nimmt‘ sich den Sex, ‚benutzt‘ deinen Körper, ohne dass ihr vorab über Einwilligungen oder Safewords oder ÄHnlcihes gesprochen habt.

Diese Fantasie ist heiß, aber wenn du sie genau so durchführst – ohne ein Gespräch, ohne Planung, ohne SSC oder RACK oder FRIES – wird es eben doch eine Vergewaltigung.

Nur, wenn du die Chance hast, abzubrechen (Reversible/Widerrufbar), dein Safeword zu sagen (Specific/Spezifisch) oder überhaupt dir des Risikos bewusst bist, wird es zu einer ‚guten‘ Erfahrung, die dir tatsächlich Lust mit diesem ganz besonderen Kick verschafft.

Das geht also nicht ohne Kommunikation. Ohne Safeword, ohne Absprachen, ohne das Wissen, dass du abbrechen kannst. Deshalb spricht man von Consensual Non-Consent – du erteilst vorab deine Zustimmung, dass jemand dich so behandelt, als gäbe es keinen Konsens. Übrigens eine verdammt schwierige Situation, die selbst erfahrene Doms (oder gerade erfahrene Doms?) ablehnen. Weil du eben nicht alle Risiken abschätzen kannst. Weil der Dom nicht genau weiß, ob die Sub ihm etwas (z.B. einen früheren Missbrauch, eine Vergewaltigung, eine versuchte Vergewaltigung) verschwiegen hat und das Trauma durch seine Handlungen wieder aufbricht. Weil du nicht weißt, wie du reagieren wirst, wenn es tatsächlich soweit ist. Wirst du ‚richtig‘ kämpfen, weil dein Körper übernimmt? Verletzt ihr euch dabei? Sieht euch doch jemand und will helfen und es kommt zu einem echten Kampf? Oder ruft jemand die Polizei und die Frau hat auf einmal ‚vergessen‘, dass sie die Einwilligung erteilt hat? Tausend Möglichkeiten, wie etwas schiefgehen kann.

Ich empfehle dir für solche Fälle: Kommunikation – reden, reden, reden! Planen auch, aber vielleicht findet ihr eine Alternative – Scheinkämpfe, rauer Sex, der sehr nah dran ist, aber im sicheren Rahmen (zu Hause, einem Club).

Ich bin aber auch jemand, der rät, dass manche Fantasien genau da bleiben sollten: im Kopf. Als Fantasie, an der man sich trefflich aufgeilen kann, ob alleine oder mit dem Partner, die man aufschreiben und zu einem Roman verarbeiten kann (Lustvolle Beute oder Dirty Dreams), die aber nie ausgelebt werden muss, weil Verstand und Bauchgefühl davon abraten – und du dich für RACK oder FRIES entscheidest und gegen das Risiko.

Wie auch immer du dich entscheidest, welches Konzept dir am besten zusagt:

Spiele safe, sane, consensual oder nach RACK oder FRIES, trau dich und probier dich aus, genieße es, aber lass dich nicht für Machtspiele eines anderen missbrauchen (und missbrauche nicht selbst!).

Deine

Disclaimer:

  • Alle männlichen und weiblichen Bezeichnungen darfst du beliebig austauschen – mir blasen sie den Text zu sehr auf.
  • Diesen Text habe ich selbst geschrieben, keine KI war daran beteiligt, auch wenn er eine Menge Gedankenstriche enthält (ich liebe Gedankenstriche), manchmal ein Trikolon verwende (also 3 Dinge aufzähle, drei Beispiele bringe), denn die Drei ist seit Menschengedenken eine harmonische Zahl, oder was auch immer ein Zeichen für KI-generierte Texte sein soll.
  • Foto: ©alphaspirit-depositphotos.com

 

 

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert